Was ist Stoff?

Eine Suche nach dem Stofflichen im Haus der Kunst in München

dusasa 2 und man's cloth

überwältigendes in galerie 1 (foto: m. geuter)

El Anatsui weiß, was Stoff ist. Schließlich ist der gebürtige Ghanaer Sohn eines Webers. Obwohl er sich gegen das traditionelle Handwerk und für die Kunst als Beruf entschied, blieb er den Stoffen treu: allerdings in einer weiter gefassten Interpretation. Nicht die textilen Stoffe interessieren ihn, vielmehr arbeitet er mit dem Stofflichen ganz unterschiedlicher Materialien wie Holz, Ton oder Metall. Erst in seinen aktuelleren Arbeiten rückt das Textile mehr in den Fokus. Denn bei den wie arrangierte, drapierte riesige Stoffbahnen wirkenden Skulpturen, verbindet er Stoffliches mit textilen Techniken und Strukturen.

Obwohl der Bildhauer seiner Ausstellung im Münchner Haus der Kunst den Titel „Triumphant Scale“ – also triumphaler Maßstab – gegeben hat, ist es nicht nur das Große, was uns Betrachter in den Bann zieht.Wer durch die ersten Galerien mit den wandfüllenden Stoffgebilden in die weiter hinten liegenden Räume gelangt, erlebt, welch tiefen Eindruck El Anatsuis frühere Arbeiten aus Holz oder Ton, seine Zeichnungen und Skizzen hinterlassen: ganz ohne weitere Erklärungen zum Hintergrund dieser Werke und den Gedanken, die ihren Erschaffer zu den Zeichnungen, Reliefs und Skulpturen inspirierten. Das Thema „Stoff“ war ihm schon damals wichtig, was z.b. die Titel einiger Holzreliefs nahelegen: Leopard Cloth, Father’s Cloth oder Grandma’s Cloth Series VI.

drawing 6

drawing 6 (anatsui)

Der Schwerpunkt der ersten Übersichts-Ausstellung des afrikanischen Künstlers in Europa liegt aber eindeutig auf dem Monumentalen, und damit auf den aktuelleren Arbeiten. Gleich in der ersten Galerie überwältigen zwei „Stoffstücke“die Besucher, Dusasa II und Man’s Cloth betitelt. Wie Brokat mit Kettenhemd wirken die zerteilten, flachgewalzten oder verdrückten Aluminiumstücke, die ihr erstes Leben als Schraubverschlüsse im Abfall beendeten. Jedes dieser Teilchen wurde mit feinen Kupferfäden verbunden. So entstand ein flexibel formbares Gebilde, das wirkt, wie ein schwer fallender Stoff.

Davon gibt es in den Galerien mehrere zu sehen: mal an den Wänden, mal am Boden. Die Farben und die Komposition der arrangierten Einzelteile variieren. Die Machart bleibt bei fast allen gleich. Gänzlich anders wirkt die Installation in der zweiten Galerie: Logoligi Logarithm, ein Labyrint, gebildet aus flexiblen Elementen, das mit Transparenz und Dichte spielt und – ganz Labyrinth – zum Durchlaufen und Durchschauen einlädt. Hier verbogen und „vernähten“ Anatsui und seine Assistentinnen und Assistenten fast nur die schmalen Ringe der Schraubverschlüsse , die am Flaschenhals hängen bleiben, wenn man die Flasche öffnet.

Dass all die riesigen Werke aus Konsumabfall nicht von einem allein geschaffen wurden, erschließt sich auf den ersten Blick. Ihr Entwurf stammt vom Künstler: teilweise auf kleine Zettel gezeichnet, die irgendwo herumlagen, und die in der Ausstellung präsentiert werden. Das Schneiden, Walzen, Drücken und Nähen ist ein Gemeinschaftswerk von vielen, die in der Nachbarschaft zu Anatsuis Atelier wohnen oder von weiter her angereist kommen, um mitzutun und mit ihrem Wirken das Kunstwerk zu beeinflussen. Dazu passt ein Statement des Künstlers von 2003: „Ich habe mit vielen Materialien experimentiert. Ich arbeite auch mit Material, das viel Berührung und Verwendung durch Menschen erlebt und erfahren hat …, und diese Arten von Material und Arbeit sind stärker aufgeladen als bei Materialien/Werken, bei denen ich mit Maschinen gearbeitet habe. Kunst erwächst aus jeder spezifischen Situation, und ich glaube, Künstler sollten besser mit dem arbeiten, was ihre jeweilige Umgebung gerade bereitstellt.“ Noch bis Ende Juli kann man diesen Sätzen Anatsuis im Haus der Kunst nachspüren.
C. Treffert

El Anatsui, „Triumphant Scale“, Haus der Kunst in München, bis 28. Juli 2019 in München;

ab 1.10.2019 bis 2.2.2020, Mathaf Arab Museum of Modern Art, Doha;
ab 13.3. bis 21.6.2020, Kunstmuseum Bern;
ab 17.7. bis 1.11.2020, Guggenheim Museum, Bilbao.

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